Caritas Lipova

Mt 25,40

Rundbrief 02.2010

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Liebe Freundinnen und Freunde der Caritas Lipova,

geschätzte Damen und Herren, die Anteil nehmen an unserer Arbeit!

Bei jedem Rundbrief stellt sich mir neu die Frage, welche Aspekte unserer Arbeit hervorgehoben werden sollen. Sind einzelne Personen, denen geholfen werden konnte, interessanter oder doch eher grundsätzliche Erwägungen. Dieses Mal habe ich mich entschieden, das Thema Migration in den Mittelpunkt zu stellen, da Bevölkerungsverschiebungen unsere Arbeit in vielfältiger Weise beeinflussen.

In den ersten Jahren der Tätigkeit der Caritas Lipova waren eine wichtige Zielgruppe alte Menschen, deren Familien nach Deutschland oder Österreich ausgewandert und die allein zurückgeblieben waren. Von diesen sind viele inzwischen verstorben. Neben der weitgehenden Auswanderung der deutschen Bevölkerung gab es seit dem politischen Umsturz vor 20 Jahren auch eine Wanderbewegung der rumänischen und anderer Volksgruppen. Gut ausgebildete junge Leute strebten und streben eine Auswanderung nach Kanada an. Weniger qualifizierte, aber motivierte Menschen suchen Arbeit in Spanien oder Italien. Angehörige der ärmsten Bevölkerungsschichten versuchen weiterhin vom Norden und Osten Rumäniens in den Westen zu gelangen. Frauen, die die Sprache des Ziellandes ein wenig beherrschen, arbeiten in der häuslichen Betreuung pflegebedürftiger Menschen. Jüngere Angehörige der ethnischen Minderheiten (Ungarn, Tschechen, Slowaken etc.) nehmen Gelegenheiten wahr, in den Ländern ihrer Sprache bezahlter Arbeit nachzugehen.

Durch den EU-Beitritt Rumäniens wurde die Abwanderung von Arbeitskräften verstärkt, durch die Wirtschaftskrise und durch ausländerfeindliche Übergriffe in verschiedenen Ländern wurde sie ein wenig gebremst. Es gibt aber nach wie vor einen hohen Prozentsatz der arbeitsfähigen jüngeren Bevölkerung, welcher weit entfernt vom Herkunftsort Verdienstmöglichkeiten sucht.

Das führt zu einem erschreckenden Ausmaß von Zerstörung familiärer Strukturen und in der Folge zu vielfältigen seelischen und materiellen Nöten der Betroffenen.

Es ist ein frommes Märchen, dass Braut- oder Eheleute in Treue aufeinander warten, wenn sie jahrelang getrennt sind, wenn es auch rühmliche Ausnahmen geben mag. Der menschliche Selbsterhaltungstrieb bewirkt im allgemeinen, dass ein Familienmitglied, welches aus welchen Gründen auch immer längere Zeit nicht vorhanden ist, irgendwann auch nicht mehr gebraucht wird. Das Leben organisiert sich neu ohne die Person, die fehlt. Kehrt der Abwesende nach langer Zeit zurück, ist er zunächst einmal überflüssig. Bei entsprechender Persönlichkeitsstärke kann er sich seinen verlorenen Platz zurückerobern. In vielen Fällen aber fühlt er sich verletzt und missachtet und kehrt seiner Heimat endgültig den Rücken. Das gilt insbesondere, wenn der daheimgebliebene Ehepartner sich mittlerweile mit einem anderen Lebensgefährten getröstet hat. Wenn der Rückkehrer im Ausland seine Existenzgrundlage verloren hat und dann auch daheim keinen Platz mehr findet, kann er zum Fall für die Caritas werden.

Häufig ist auch die umgekehrte Konstellation. Der im Ausland arbeitende Ehepartner findet dort eine andere Liebe und ein anderes Zuhause, welches er nicht lassen möchte und zu welchem die daheimgebliebene Familie keinen Zugang hat, weder im materiellen Sinn, weil sie nicht das Geld haben, dorthin zu fahren, noch im geistigen Sinn, weil sie die dortige Lebensart nicht verstehen. Ich habe eine junge Familie aus Lipova vor Augen, von der der Mann jahrelang in Spanien im Baugewerbe gearbeitet hat. Die Frau war mit Schwiegermutter und zwei kleinen Kindern daheim. Von dem Geld, welches der Mann nach Hause schickte, haben sie ein kleines Geschäft eröffnet. Die Kinder litten unter der Abwesenheit des Vaters, zunächst ohne zu bemerken, dass die Gründe, warum er angeblich auch im Urlaub und auch zu Festtagen nicht nach Hause kommen konnte, immer fadenscheiniger wurden. Vor nicht langer Zeit hat er gemeinsam mit seiner neuen spanischen Frau seine Mutter besucht, ohne seiner angetrauten Ehefrau Beachtung zu schenken. Die Mutter hat sich daraufhin mit ihrem Sohn zerstritten, sie hält zu ihrer Schwiegertochter. Diese weint hauptsächlich. Das Geschäft geht nicht mehr. Der Sohn und Ehemann schickt kein Geld mehr. Die Kinder sind außer Kontrolle geraten. Die inzwischen 14jährige Tochter treibt sich mit Männern herum. Der 10jährige Sohn kann in der Schule nicht stillsitzen. Und das ist keineswegs ein Einzelfall.

Vor einiger Zeit haben Mitarbeiter unserer Caritas einen jungen Mann aus dem Gefängnis geholt, der als Drogenkurier erwischt worden war. Er lebte allein als Student in Temesvár, beide Eltern arbeiten in Spanien. Aus der Situation seiner Eltern, die in Rumänien ihre Arbeit verloren hatten, hatte dieser Jüngling allein für sich mangels Kommunikation mit den Eltern den Schluss gezogen, dass die Ungerechtigkeit des rumänischen Staates illegales Handeln voll rechtfertige. Die Eltern hatten eine hohe Kaution bezahlt für seine Freilassung und uns gebeten, ihren Sohn aufzunehmen, bis sie aus Spanien nach Rumänien zurückkehren konnten. Sie haben aus dem Vorfall allerdings nichts gelernt, denn statt sich dem sicher nicht leichten Kommunikationsprozess mit ihrem „unreifen Früchtchen“ auszusetzen, sind sie mittlerweile wieder beide in Spanien bei der Arbeit, denn sie müssen jetzt ja das Geld wieder hereinbringen, welches sie für die Haftverschonung ihres Sohnes ausgegeben haben.

In unser Schüler/-innen – Wohnheim haben wir im Herbst vergangenen Jahres ausnahmsweise ein erst vierzehnjähriges Mädchen aufgenommen.

Ihren Vater hatte sie kaum gekannt, ihre Mutter war kurz zuvor an Tuberkulose gestorben. Sie lebte bei einem Onkel, der sie jedoch nicht die ganze Woche bei sich haben wollte. Ihre Lehrerin setzte sich für sie ein. Sie sagte, dass das Mädchen gut lerne.  Das tat sie anfangs auch, wurde jedoch mit der Zeit immer widersetzlicher. Unsere Pädagogen schoben dies auf die einsetzende Pubertät und hatten Geduld mit ihr. Sie hatte einen ersten Freund, der sie natürlich viel mehr interessierte als die Schule. Immerhin hatte sie so viel Vertrauen zu unseren Pädagogen, dass sie ihnen sagte, ihr Onkel wolle sie nach Spanien schicken, sie wolle jedoch lieber bei ihrem Freund bleiben. Es war ziemlich klar, dass der Onkel sie als Prostituierte nach Spanien verkaufen wollte. Auch ihr war das klar, und sie hatte teilweise Angst davor, teilweise war sie aber auch fasziniert von der Aussicht, ohne große Mühe viel Geld zu verdienen. Nach den Weihnachtsferien kehrte sie weder ins Internat noch in die Schule zurück. Weder sie noch ihr Onkel sind am Telefon erreichbar. Wir haben versucht, über den Kinderschutzbund etwas zu erreichen, aber solange man sie nicht erwischt, kann die voraussichtliche Absicht nicht verfolgt werden. Auch das ist also eine der dunklen Seiten der vielfältigen Wanderbewegungen der rumänischen Bevölkerung.

Kinder von aus der Moldau in den rumänischen Westen gewanderten Arbeitern haben wir einige in unserem Internat. Außer ihrer großen Armut ist das an sich kein besonderes Problem, denn Kinder passen sich schnell an eine neue Umgebung an. Im Einzelfall können sie aber doch in verschiedener Weise in ihrer Entwicklung gestört sein, sei es durch Unterernährung in einer wichtigen Wachstumsphase, sei es durch lange Trennung von Vater oder Mutter, sei es durch Heimweh und mangelnde Akzeptanz hier im Banat.

Unser Internat kann gerade für diese Kinder eine gute Hilfe sein bei der Eingliederung in die Gesellschaft im Westen Rumäniens, die sehr verschieden ist von der im Osten Rumäniens. Nach einem Wechsel in der pädagogischen Leitung des Internats, welcher ebenfalls aufgrund von familiären Verwicklungen durch Arbeitsmigration erforderlich geworden ist, ist die Situation jetzt sehr zufriedenstellend. 22 Jugendliche werden betreut von einer jungen Erzieherin und einem ebenfalls noch jungen Lehrer für Englisch und orthodoxe Theologie. Im Schlaftrakt der Mädchen sind noch zwei Plätze frei. Es ist nicht zu verwundern, dass gerade bei den Mädchen nicht alle Plätze besetzt sind, denn in unserer Zielgruppe, benachteiligten Jugendlichen aus ländlichen Gemeinden, ist die Meinung verbreitet, dass Mädchen Schulbildung nicht so dringend benötigen. Wir arbeiten daran, aber es geht natürlich nicht schnell, hier eine Veränderung zu bewirken. Durch eine Schenkung ist es möglich geworden, unseren Schülern und Schülerinnen auch PC’s mit Internetanschluss zur Verfügung zu stellen. Die Aktivitäten der Jugendlichen am Computer können von den Pädagogen überwacht werden. Obwohl die Geräte erst seit einigen Wochen installiert sind, benehmen sich die jungen Benutzer, als könnten sie gar nicht mehr ohne Computer leben. Das zeitweilige Verbot der PC-Benutzung hat sich in Windeseile zur wirksamsten Sanktion im Fall von Verstößen gegen die Hausordnung entwickelt.

Noch ein paar Worte zur Bäckerei. Sie funktioniert im Prinzip ganz gut. Allerdings leiden wir wie alle produzierenden Gewerbe in Rumänien unter mangelhafter Effizienz und unter der Bürokratie. Wir sind dabei, die juristische Form von der Eigenfinanzierung einer non-profit Organisation auf eine GmbH umzustellen, da wir durch das Überschreiten einer Einkommens-Obergrenze dazu gezwungen waren. Dies kostet wieder viele Nerven und auch Geld, da dazu eine Vielzahl von kostenpflichtigen Bestätigungen und Genehmigungen erforderlich ist. Glücklicherweise können wir während der Umstellungsphase weiterarbeiten. Lediglich das Geschäft, welches wir in der Stadt Temesvár eröffnet haben, ist zur Zeit blockiert, weil wir den neuen Computerchip für die Registrierkasse noch nicht bekommen haben. Ich gebe in dieser Zeit der Verkäuferin den Urlaub, den ich ohnehin verpflichtet bin, ihr zu gewähren.

Ich möchte mich bei allen herzlich bedanken, die im vergangenen Jahr die Caritas Lipova mit einer Gabe bedacht haben und wünsche allen Freunden und Förderern ein gesegnetes Jahr 2010 und demnächst eine geistlich fruchtbare Fastenzeit und eine Osterzeit voll Freude und Leben und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Imogen Tietze

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